• Freiheitsberaubung an Autisten: "Aber sie sind doch Behinderte"

    Freiheitsberaubung durch Psychopharmaka oder Unterbringung

    Dieses Thema ist schwierig und wenn hierzu eine Interessenvertretung einer weithin stigmatisierten Bevölkerungsgruppe wie die ESH klare Position bezieht wird dies leicht als "hysterisch" empfunden oder gleichermaßen herablassend belächelt wie es auch gegenüber Autisten und ihren Interessensbekundungen generell immer wieder passiert, gerade wenn sie äußerlich seltsam wirken. Die meisten Mitmenschen sind sich über die Tragweite dieses Themas nicht ansatzweise bewußt, dies muß man wohl als Tatsache akzeptieren. Ebenso wie Haltungen der Art, daß alleine schon eine hergestellte Verbindung einer Person zu Psychiatrie nicht selten zu einer erheblichen Reduzierung der zwischenmenschlichen Achtung führt und das auch sehr oft gerade bei Personen, die nahezu täglich in diesem Bereich zu tun haben. Oft mitgetragenes Unrecht stumpft ab. Um eine kleine Einordnung zu ermöglichen seien zunächst einige Textpassagen von verschiedenen Internetseiten zitiert:

    Zwangserleben hinterlässt meist tiefe Spuren an der Seele:

    "Vor der Urteilsverkündung am 15. Juli 1988 sagte meine Frau, sie fühlt sich im Sinne der Anklage als nicht schuldig. Sie kann es als mündige Bürgerin der DDR nicht verstehen, dass ein Udo Lindenberg aus der BRD das Recht genießt, mit Herrn Honecker Briefe und Geschenke auszutauschen, und wir als mündige Bürger dieses Staates nicht das Recht haben, eine Antwort auf unser Ausreiseanliegen zu bekommen. Wir werden zu drei Jahren und zwei Monate Gefängnis verurteilt. Meine Frau kommt in das gefürchtete Frauenzuchthaus Hoheneck bei Stollberg im Erzgebirge und ich nach Brandenburg.

    Wochenlang wartete ich auf ein Lebenszeichen von meiner Frau. Ich verstehe nicht, dass sie mir nicht antwortet. Drei Briefe im Monat dürfen wir uns schreiben. Schließlich am 1. September erfahre ich von einem Beamten, dass meine Frau mit einem Nervenzusammenbruch im Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf liegt. Ich habe die Eltern von meiner Frau darüber informiert, sie wollen sie besuchen, sie werden abgewiesen. Erst zehn Tage später erhalten sie eine Erlaubnis meine Frau zu besuchen. Blass, abgemagert und ängstlich kommt sie auf ihre Eltern zu. Sie sagt immer „Mutti, ich habe alles falsch gemacht. Mutti, du ahnst nicht, was im Gefängnis los ist. Ich war mit Mörderinnen in einer Zelle, die mich beschimpft und bespuckt haben.“

    Was ist mit ihr los, sie war doch immer so tatkräftig und optimistisch und nun steht sie zitternd vor ihnen. Sie sagt: „Am Anfang habe ich die Medikamente immer ausgespuckt, weil ich sonst nicht mehr klar denken konnte. Aber ich verspreche euch, ich nehme sie“. Sie stand unter Psychopharmaka. Nach neun Wochen kommt meine Frau als „gesunde Strafgefangene“ zurück ins Zuchthaus Hoheneck. Zuvor haben die Eltern meiner Frau in zwei Briefen den Chefarzt im Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf Dr. Jürgen Rogge flehentlich gebeten sich ihrer Tochter anzunehmen und alles zu tun, um Haftverschonung für sie zu erreichen. Nicht einmal eine Antwort haben sie erhalten.

    Im Frühjahr 1991 kann sich Dr. Rogge nicht mehr an meine Frau erinnern. Erst nach Einsicht der Akten kann er den „Fall“ beurteilen. Der Psychiater: „Bevor Frau Kersten zu uns verlegt wurde, erhielt sie in Hoheneck sehr hohe Dosen an schweren Psychopharmaka, die dreifache Menge dessen, was in akuten Erregungszuständen üblich ist. Sie hat sich schnell erholt". Einen Antrag auf Haftverschonung hätte er nicht begründen können. Sie war gesund. Sie musste zurück nach Hoheneck. Die Schuld trifft die Justiz.

    Eine gebrochene Frau

    Mitte November 1988 kommen meine Frau und ich in die Abschiebehaft der Stasi nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Wir sind von Bonn freigekauft worden. Ich darf ohne Aufsicht mit meiner Frau sprechen. Sie ist weggetreten und klagt immer nur: "Ich habe mein Land verraten. Ich habe alles falsch gemacht. Ich komme nicht rüber, die Kinder werde ich nie wiedersehen". Meine beruhigenden Worte erreichen sie nicht. Ich wiederhole was die Stasi versprochen hat: "Jessica und Mandy werden vor Weihnachten wieder bei uns sein."

    Am 25. November 1988 werden wir noch mit acht anderen Häftlingen von zwei Stasi-Offizieren zum Bahnhof begleitet. Morgens um halb sieben setzt sich der Zug Richtung Gießen in Bewegung. "Wir fahren ohne die Kinder, ich kann mich noch gar nicht so richtig freuen ", sagt meine Frau. Im baden-württembergischen Kirchentellinsfurt kommen wir in einem Hotel unter, das Verwandten gehört. Unterdessen kümmert sich meine Mutter in Stendal um die Papiere der Kinder. Meine Mutter will die Kinder in ihre neue Heimat begleiten. Meine Frau muss sich in ärztliche Behandlung begeben, Dr. Braun diagnostiziert eine schwere reaktive Depression. Es gibt nur ein Heilmittel, dass schnelle Wiedersehen mit den Kindern. Meine Frau erzählt mir, dass sie vergebens darum gebeten hat, in eine andere Zelle verlegt zu werden. Aus Protest zerschlug sie einen Spiegel und wurde deshalb in eine Arrest-Zelle im Keller gesperrt und ans Bett gefesselt. Mit Spritzen und Tabletten wurde ihr Widerstand gebrochen.

    Jeden Tag telefoniere ich mit meiner Mutter in Stendal. Dann die erlösende Auskunft: Am 18. oder 19. Dezember 1988 gehe es los. Die Kinder säßen schon aufgeregt auf ihren Koffern.
    Wieder ein Anruf, die Papiere der Kinder seien noch nicht fertig. Die Behörden versicherten, dass es endgültig am 21. Dezember klappe. Am späten Vormittag des 21. Dezember trifft aus Stendal ein Telegramm ein: Die Anreise am 21.12. nicht möglich, da Papiere noch nicht vollständig. Weihnachten ohne die Kinder. Meine Frau wird immer stiller. Ich versuche sie zu trösten, kann aber wenig helfen. Wir machen einen langen Spaziergang. Am Abend bemüht sich meine Frau ein festliches Essen zuzubereiten. Es ist gegen 22 Uhr, als sie sagt:
    „Ich gehe mal eben hoch.“ Zehn Minuten später will ich nach ihr sehen. Meine Frau ist aus dem Fenster im dritten Stock gesprungen. Sie ist sofort tot."

    Quelle: http://www.mdr.de/damals-in-der-ddr/ihre-geschichte/1542256.html

    Solche Fälle in unserem aktuellen Staat geächteter und in breiter Weise als Unrecht erkannte Instrumentalisierung von Methoden der Psychiatrie veranschaulichen welche Folgen diese für Menschen haben können, die nicht nach heutigen Maßstäben psychisch auffällig wurden oder zu unfreiwilligen Minderheiten zählten. Diese Folgen sind jedoch gleichermaßen vorhanden bei solchen auch heute noch geringgeschätzten und oft weniger gewissenhaft behandelten Personengruppen.

    Übersicht zu freiheitsentziehenden Maßnahmen:

    "Beispiele für freiheitsentziehende Maßnahmen sind:

    - Anlegen von Hand- bzw. Fußfixierungen
    - Anlegen von Bauchgurten, wenn keine Möglichkeit für den Pflegebedürftigen besteht, diese selbst zu lösen oder lösen zu lassen
    - Fixieren von Pflegehemden
    - Aufstellen von Bettgittern
    - Sicherheitsgurt am Stuhl, wenn keine Möglichkeit für den Pflegebedürftigen besteht, diese selbst zu lösen oder lösen zu lassen
    - Ausübung psychischen Drucks
    - Wegnahme von Schuhen und Kleidung
    - Psychopharmakagabe ohne oder gegen den Willen des Pflegebedürftigen.

    [...]

    Zustimmung des Pflegebedürftigen zu einer freiheitsentziehenden Maßnahme

    Eine freiheitsentziehende Maßnahme ist nicht widerrechtlich, wenn der Pflegebedürftige in die Maßnahme wirksam eingewilligt hat. Ein Pflegebedürftiger kann nur wirksam einwilligen, wenn er über den maßgeblichen natürlichen Willen verfügt und einsichtsfähig ist. Dabei kommt es nicht auf die Geschäftsfähigkeit, sondern auf die natürliche Einsicht- und Urteilsfähigkeit des Pflegebedürftigen an. Der Pflegebedürftige muss die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erkennen können. Die Einwilligung bezieht sich jeweils auf die konkrete Situation. Der Pflegebedürftige kann die Einwilligung jederzeit widerrufen. Verliert der Pflegebedürftige infolge einer Erkrankung die natürliche Einsichtsfähigkeit, ist auch seine vorher gegebene Einwilligung nicht mehr wirksam.

    Die wirksame Einwilligung des Pflegebedürftigen sollte in der Pflegedokumentation festgehalten werden. In Zweifelsfällen kann es ratsam sein, vom behandelnden Arzt in regelmäßigen Zeitabständen die Einsichts- und
    Urteilsfähigkeit schriftlich bestätigen zu lassen.

    Rechtfertigender Notstand

    Freiheitsentziehende Maßnahmen können ausnahmsweise und für kurze Zeit unter den Voraussetzungen des rechtfertigenden Notstandes (§ 34 Strafgesetzbuch) zulässig sein, wenn keine Einwilligung zu erzielen ist. Dies trifft dann zu, wenn der Pflegebedürftige in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Körper, Freiheit oder Eigentum sich oder andere gefährdet. Ziel ist es dabei, die Gefahr von sich oder anderen abzuwenden. Dabei muss bei Abwägung der widerstreitenden Interessen das geschützte Interesse das Beeinträchtigte wesentlich überwiegen. Als Höchstgrenze einer Fixierung ohne richterliche Genehmigung ist die Frist nach § 128 Strafprozessordnung anzusehen, danach ist die richterliche Entscheidung spätestens am Tag nach dem Beginn der freiheitsentziehenden Maßnahme herbeizuführen."

    Quelle: http://www.mdk.de/media/pdf/Anleitung_amb_10112005.pdf

    Psychopharmakagabe kann eine freiheitsentziehende Maßnahme sein, also auch Freiheitsberaubung. Auch Angehörige können sich theoretisch strafbar machen und sich der Gefahr von Freiheitsstrafen aussetzen, wenn sie derartige Maßnahmen bei Autisten mittragen. Gerichte urteilen hierbei unterschiedlich. In vielen Fällen kommt es jedoch praktisch zu keiner juristischen Aufarbeitung, weil die jeweiligen Autisten unterschwellig und unausgesprochen allgemein oft als vogelfrei und minderwertiges Leben betrachtet werden und die Eigenvertretung auch in gerade den nicht seltenen Fällen von unverantwortlicher und dauerhaft schlechte nicht barrierefreie Lebensbedingungen verdeckender Vergabe von Arzneien durch ebendiese von Kindheit an beeinträchtigt wird. Zudem verstärken die oft erheblichen Nebenwirkungen das Bild einer Person, die "bematscht" ist, was dann jedoch oft wieder als Beleg für die davon unabhängige Verfasstheit einer Person betrachtet wird.

    Zur weiteren Veranschaulichung ein Beispiel: Eine alte Person, die man zuhause bis ans Lebensende in ein Zimmer einsperrt kann ebenso schlecht eine Strafverfolgung in eigenem Interesse einleiten.

    Auszüge aus der EU-Charta für autistische Menschen:

    "16. Das Recht autistischer Menschen auf ein Leben in Freiheit ohne
    Furcht und ohne Bedrohung durch eine Zwangseinweisung in eine
    psychiatrische Klinik oder eine andere geschlossene Anstalt.

    [...]

    18. Das Recht autistischer Menschen auf ein Leben ohne missbräuchlichen Einsatz von Medikamenten."

    Quelle: http://autisten.enthinderung.de/?q=node/19

    Kurzer Anriß leider noch immer aktueller Zustände:

    "Spätestens seit den 1968er Jahren gibt es auch in der Bundesrepublik so etwas wie eine Behinderten-Emanzipations-Bewegung: Einmal nehmen seither die Behinderten ihr Leben und die Vertretung ihrer politischen Interessen immer mehr in die eigene Hand; und zum anderen haben die Verantwortlichen für die Institutionen für Behinderte und Pflegebedürftige (also für Heime, Anstalten und Großkran-kenhäuser) mit der Deinstitutionalisierung begonnen, was sich in Verkleinerung, Dezentralisierung, Regionalisierung und teilweise auch Ambulantisierung ihrer Einrichtungen ausdrückt. Diese Feststellung ist wichtig; denn sie besagt, dass wir, auch die Institutions-Verantwortlichen (von den Heimleitern über die Wohlfahrtsverbände bis zu den Sozialministern) längst mit dem Prozess der Deinstitutionalisierung begonnen haben.

    Allerdings tun sie dies bisher nur halbherzig, nur so, dass es ihren gesund-egoistischen Interessen nicht weh tut, dass kein Heim in seiner Existenz bedroht ist, dass sie ihre Schmerzgrenze nicht überschreiten. Wenn ich also bei meinen zahlreichen Heim-Beratungen sehe, dass 20 % oder 40 % der Bewohner auf der Stelle in eine eigene Wohnung mit ambulanter Betreuung ziehen können und dass die Behinderung eines solchen Umzugs Freiheitsberaubung und Geiselnahme bedeutet, den Rechtsstaat verhöhnt, so gibt mir der jeweilige Heimleiter in der Regel zwar nicht öffentlich, wohl aber unter vier Augen sofort Recht. Nicht ohne hinzuzufügen: „Aber was soll ich denn machen, gehe ich mit der Belegung um 20 % herunter, ohne wieder aufzufüllen, kann ich Konkurs anmelden; damit alleingelassen, kriege ich das nicht hin.“ Und so muss man sich nicht wundern, dass trotz der gleichzeitig fortschreitenden Deinstitutionalisierung die Verheimung von Menschen weiter zunimmt, und zwar nicht nur der Pflegebedürftigen und Altersdementen (das wäre ja demographisch verständlich), sondern auch der Behinderten, was nach dem Bedarf völlig absurd ist. Dies bleibt aber zumindest so lange so, wie jeder clevere Unternehmer, wenn er nur ein paar formale Kriterien erfüllt, sich auf dem Markt des Heimwesens nach Belieben bedienen kann und für den Bedarf selber sorgt – Rechtsstaat hin oder her.

    [...]

    Vergabe von Psychopharmaka in Heimen

    Auf der einen Seite, und dies wäre einen eigenen Vortrag wert, ist es der Einsatz von Psychopharmaka. Ich erinnere mich schon lange nicht mehr an einen Heimbewohner, der diese Medikamente nicht erhalten würde. Dabei leiden sie zumeist nicht unter akuten psychotischen Störungen oder depressiven Symptombildungen, die einer Behandlung bedürften oder der Notwendigkeit einer gezielten Rezidivprophylaxe. Psychopharmaka in Heimen werden - dies ist jetzt eine verkürzte Darstellung – weitgehend eingesetzt zum Zwecke der Verhaltensmodifikation. Die Bewohner sind in der Enge des Heimes leichter handhabbar, bereiten geringere Schwierigkeiten und lehnen sich weniger gegen die Unterbringung auf. Dies ist eine Problematik, sicher nicht exklusiv für psychisch Kranke in Heimen, sondern sie trifft nach meinem Kenntnisstand – und hierüber gibt es einige Literatur – auch für andere Heimformen zu.

    Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Arbeit von Frau Wilhelm-Gößling aus Hannover über Neuroleptika in Pflegeheimen. Offensichtlich ist es schwer, in Heimen ohne exzessive Gaben von Psychopharmaka auszukommen. Dabei ist eine freie Arztwahl in der Regel eine Fiktion. In fast allen Einrichtungen gibt es enge Kooperationen zwischen Heim und psychiatrischen Kliniken bzw. dort tätigen Ärztinnen und Ärzten. In einem mir bekannten Heim wird die Arztwahl völlig aufgehoben, weil das Heim eigene Ärzte angestellt hat. Bereits in der Heimordnung wird der Zwang zur psychiatrischen Behandlung, das heißt auch zur Medikation festgeschrieben. Wenn ich die Klagen von Heimbewohnern, die mir im Laufe der Jahre zu Ohren gekommen sind, gewichten sollte, dann hielte ich diesen Aspekt der Zwangs- oder Beinahe-Zwangsmedikation für einen ganz zentralen."

    Quelle: http://www.behindertenbeauftragter-niedersachsen.de/broschueren_bblni/pics/Broschuere-32.pdf

    Vergleichbar verantwortungs- und gedankenlos werden gerade früh diagnostizierte Autisten dauerhaft mit Arzneien "versorgt". Auch nur die Zeit genauer nachzudenken "haben" Ärzte oft nicht. Solche Verschreibungen sind einfach, die realen Problemfelder im Lebensumfeld von Autisten auszumachen hingegen für NA wohl überhaupt nur teilweise möglich.

    Alle Personen, besonders im Umfeld von Autisten sollten daher stets wachsam bleiben und sich Rat bei anderen Autisten holen, z.B. in unseren Foren. Das sollte nicht nur immer erst passieren, wenn "die Hütte brennt". Wenn das der Fall ist sind oft schon derartig viele Dinge schiefgegangen, daß sich die Situation nur schwer und mit großer Ausdauer für alle Beteiligten (auch die um Rat ersuchten Autisten) halbwegs entwirren läßt. Zudem ist es nie gut für die Autisten und deren Vertrauen in ihr Umfeld, wenn man es überhaupt so weit kommen läßt. Jeder kann uns mit seinem Engagement und seinen Talenten helfen Diskriminierungen gegenüber Autisten wirkungsvoller entgegenzutreten.

  • Projekt: Gründung einer Online-Schule für Autisten

    Autisten besitzen die Gabe einer sensiblen Sinneswahrnehmung. Diese wird in einer durchschnittlichen Schulumgebung schnell zum Bildungshindernis. Wie soll Wissen aufgenommen werden, wenn die Eindrücke aufgrund der Umgebung allgemein überfordern, chronisch Kräfte rauben und Kommunikation, wenn überhaupt, nur unter erheblich erschwerten Umständen möglich ist.

    Bevor wir die konkreten Gründungsvorbereitungen starten, wäre es gut zu wissen, wieviele Eltern bereit wären, ihre Kinder auf diese neue und einzigartige Schule gehen zu lassen, oder bereit wären zu wechseln.

    Schulwechselwünsche und Bereitschaft zu finanzieller Untstützung des Projekts können über unser Kontaktformular mitgeteilt werden (dort Kategorie "Online-Schule" auswählen). Ebenso können sich interessierte Lehrer auf diesem Weg bereits unverbindlich melden, auch solche die teils an einer herkömmlichen Schule und teils an der Online-Schule tätig wollen würden.
    Wer die ESH und das Online-Schulprojekt moralisch unterstützen will, kann dies hierüber tun und gegebenenfalls dem Formular einen das Projekt unterstützenden Kommentar hinzufügen.

    Ein Projektforum, in welchem zur Sache diskutiert und Feedback hinterlassen werden kann, findet sich hier.

    Die in Planung stehende Online-Schule hat zum Zweck, das Potential eines jeden Schülers auszuschöpfen und zu fördern. Autisten sind nicht lernbehindert, sie werden behindert durch die alltägliche Überforderung durch die nicht unterrichtserforderlichen Rahmenbedingungen an öffentlichen Schulen.

    Die bisher bestehenden Probleme

    Unausweichlicher Druck, sozial und emotional in Interaktion zu treten, hindern die Aufmerksamkeit und das Lernen. Potentielle Stärken können kaum erkannt und gefördert werden, da zu viel Kraft und Energie darauf verschwendet wird, dem täglichen Overload an der Schule zu begegnen. Schulklassen sind zu groß, zu viele Geräusche wie Stimmen, Pausenklingel, zu viel situativ ablenkende Unruhe, etc.

    Viele Mütter von Autisten können jedoch bestätigen, daß das Kind mit ihr zusammen, oder mit einer anderen Vertrauensperson sehr gut und gerne lernt. In einer Gruppensituation ist plötzlich alles anders.

    Sie können dem Unterricht nicht folgen, werden depressiv wegen der hohen Reizbelastung, oder sind derart eingeschüchtert, daß sie weder "an die Tafel gehen" noch Fragen beantworten können. Sie fangen an, den Unterricht zu stören, plappern dazwischen, drehen sich im Kreis. Sie bekommen dann Psychopharmaka, spätestens ab dem 8. Lebensjahr probieren Ärzte und Eltern alles Mögliche aus mit der Hoffnung auf "Besserung", nur nicht das, was wirklich Besserung bedeuten könnte: Eine sorgfältige Änderung der unpassenden Unterrichtsbedingungen. Kann ein Kind im vernebelten Zustand angemessen lernen? Die Ursachen liegen woanders und müssen anders behoben werden.

    Autisten werden gerne immer wieder an Haupt- oder Sonderschulen verwiesen, nicht weil sie fachlich auf diesem Niveau wären, sondern, weil sie aufgrund oberflächlicher z.B. "sozialer" Kriterien als "irgendwie so dahin gehörend" eingestuft werden. Das ist besonders tragisch, weil gerade Bildung ein wichtiges Element für Autisten ist, um ihren Lebensweg aus eigener Kraft gehen zu können. Hier könnten Autisten eigentlich oft ihre gegebenen Stärken ausspielen.

    Mit diesem Projekt könnte erstmalig gezeigt/ bewiesen werden, dass Autisten, die ihre Schulzeit unter ihnen angemessenen Bedingungen verbringen können, ohne psychische Folgeschäden zu erleiden, sich im Anschluss wesentlich freier und glücklicher in der Gesellschaft bewegen können, als dies bislang üblich war und gegenwärtig ist. Denn Erfolg und daraus resultierendes Selbstbewußtsein ist für jeden Menschen von entscheidender Wichtigkeit.

    Wir tun was

    Daher plant die ESH eine Online-Schule zu gründen, in welcher innerhalb des ersten Bildungsweges der regulären Schulpflicht bis zum Abitur nachgegangen werden kann. Diese Online-Schule soll u.a. alternativpädagogische Modelle umsetzen und die Möglichkeit bieten auf die individuellen Fähigkeiten optimal einzugehen. Eine Schulgründung ist jedoch mit erheblichen Kosten verbunden.

    Die Gründung wird eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, daher können sich auch Eltern, deren Kinder erst in drei Jahren schulpflichtig werden auf der Anmeldeliste vormerken lassen. Es können ebenso Schüler gemeldet werden, die bereits in einer anderen Schule unterrichtet werden und für die ein Interesse an einem Schulwechsel besteht.

    Bezüglich zusätzlicher privat zu zahlender Schulgebühren, etc. werden wir versuchen diese möglichst gering zu halten oder ganz ohne auszukommen.

    Angestrebt ist ein Schulbetrieb, der die Stärken von Autisten anspricht, statt fruchtlos auf Schwächen fixiert einen Autisten dazu zu bringen Nichtautisten in ihrem Verhalten zu imitieren. Was vor allem dazu geeignet ist Autisten zu vermitteln, daß sie mangelhaft sind und was ihnen zudem noch permanent große Anstrengungen abverlangt. Das führt dazu, daß sie kräftemäßig auslaugen und dazu führen, daß sie nie dazu kommen frei ihre Persönlichkeit entsprechend ihrer Veranlagung entfalten zu können.

    Es gibt genügend gefragte Berufe, in welchen Autisten fachlicherseits ihre Stärken gut einsetzen können. Was für eine Arroganz, wenn trotzdem bis heute oft noch versucht wird Autisten an eine real überhaupt nicht existierende Norm anzupassen. Die Natur lehrt uns, daß Vielfalt Reichtum und Stabilität bedeutet. In zentralen Strukturen denkende Zeitgenossen haben vermutlich Probleme dies anzuerkennen, weil die kulturellen Hierarchien, in welchen sie sich bewegen eine andere Logik bedienen - die Logik einer Gruppe. Solche Gruppen sind jedoch nie identisch mit dem Ganzen. Trotzdem führt diese Gruppenaktivität nicht selten zu einem Eigenanspruch der Allgemeingültigkeit. Dies ist ein Übel, unter welchem Minderheiten wie Autisten leiden.

    Bildhaft ausgedrückt haben wir es also mit einer Gesellschaft von Fahrrädern zu tun zu tun, in welcher die Mehrheit der Durchschnittsfahrräder die feste Meinung vertritt, daß alle Fahrräder so sein müßten wie sie. Teure Rennräder z.B. würde man versuchen so umzubauen, daß man mit ihnen auch gut auf Schotterpisten fahren kann. Die Durchschnittsräder würden alleine nur den Gedanken verdrängen, daß man ein erfülltes Leben führen könne, wenn man anders sei als sie. Letztlich nichts anderes als psychologisch zu erklärende Selbsthuldigung einer Mehrheit, welche ernsthaften Fragen nach eigenen Schwächen lieber von vorneherein aus dem Weg gehen möchte.

  • Therapien aufgrund Autismus und deren wissenschaftliche Basis

    Wenn Autisten sich gegen Therapien aufgrund autistischer Eigenschaften wenden, dann widersetzen sie sich wissenschaftlichen Erkenntnissen?

    Autismus wird bis heute offiziell von Ärzten fälschlich als Krankheit diagnostiziert. Um eine Autismusdiagnose zu erhalten werden Beobachtungen angestellt und Abweichungen geschildert. Aber Abweichungen, die einem Arzt geschildert werden deutet dieser berufsbedingt als unerwünscht. Das ist scheinbar vielen nicht klar, die nachher daran zweifeln, ob denn nach der Diagnose durch den Arzt empfohlene Therapien als ganz natürliche Angelegenheit betrachten. So läuft das ja beim Arzt.

    Wie erhält man eine Autismusdiagnose? Man schildert bei einem Arzt (der berufsbedingt für die Beseitigung von Krankheiten zuständig ist) einen Sachverhalt, Symptome eines Komplexes der heute fälschlich offiziell noch als Krankheit eingestuft wird, wie vor einigen Jahrzehnten auch noch Homosexualität. Damit wird dem Arzt auch (vielleicht ungewollt) mitgeteilt: das ist unerwünscht.

    Der Arzt verweist dann auf "Therapien", weil das die Fortsetzung dieser Denklinie ist. Diese Therapien bewirken dann die Änderung irgendwelcher Details, was manchmal auch in brauchbarer Weise wissenschaftlich belegt wurde (und manchmal noch nicht einmal das).

    Diese Details sind aber eben nur Details. Es wird oft in völlig unzureichender Weise darauf geachtet, welche Schäden parallel zu diesen Maßnahmen auftreten. Das ist wie bei Arzneien. Man hat z.B. wissenschaftlich bewiesen, daß eine Arznei Durchfall stoppt. Also gilt die Wirksamkeit als belegt. Bei Arzneien wird dann noch nach den üblichen Standards getestet, ob irgendwelche offensichtlichen "Nebenwirkungen" stattfinden. Trotz diesen Standardtests schätzt man z.B. Folgendes:

    In den USA geht man von 2 000 000 schweren Arzneimittelnebenwirkungen pro Jahr aus, 44 000 - 100 000 Tote durch Nebenwirkungen, mehr als durch Lungenerkrankungen, AIDS, Diabetes, und Unfälle. 6,7% aller Krankenhauspatienten haben gravierende Arzneimittelnebenwirkungen, 0,32% sterben nach manchen Statistiken daran. 136 Milliarden Dollar sollen die Nebenwirkugen jährlich kosten. Etwa 3-6% aller Nebenwirkungen kommen durch Wechselwirkungen zustande. Wechselwirkungen sind nicht nur als Vergiftungen bedeutsam, oft vermindert auch ein Medikament die Wirkung eines anderen Medikamentes mit bedrohlichen Folgen. Die Statistiken sind allerdings nur wenig fundiert und die Daten sind widersprüchlich. Dennoch Arzneimittel gelten laut der amerikanischen FDA als 4. häufigste Todesursache in den USA.

    Quelle

    Bei nichtstofflichen "Therapien" gibt es noch nicht einmal Standardtests in der Art wie bei Arzneien.

    Ein abstraktes Beispiel zur Veranschaulichung:

    Ein Kind hat beide Hände voller Splitter, weswegen Berührungen damit für ihn über lange Zeit schmerzhaft sind. Die Eltern erkennen das nicht und gehen mit dem Kind zu einem Arzt. Der Arzt erkennt die Splitter ebenfalls nicht und verordnet eine Therapie. In der Therapie lernt das Kind unter großen Schmerzen Dinge halbwegs so anzufassen, wie es für den Betrachter "normal" aussieht.

    Das Therapieziel lautete: Herstellung des Eindrucks Dinge würden nun "normal" angefasst.
    In Studien wird wissenschaftlich erwiesen, daß in solchen Fällen die Therapie genügend oft diesen Effekt nach sich zieht, um als wirksam betrachtet zu werden.

    Was dabei aber gar nicht berücksichtigt wird, sind Auswirkungen dieser Therapie außerhalb des Details, das betrachtet wurde, welche nicht völlig offensichtlich sind.

    Wenn das Beispielkind im Zuge einer solchen Therapie jedoch dauerhaft depressiv wird oder die Abheilung der Splitterwunden durch solche Dressur nach Gutdünken anderer Personen umso mehr chronisch verschleppt wird, dann gilt die Therapie für sich dennoch als wissenschaftlich in ihrer Wirkung belegt, weil diese anderen Details nicht automatisch berücksichtigt wurden bei der wissenschaftlichen Einordnung.

    Deswegen kommt es immer wieder vor, daß Therapien abgeschafft werden, weil irgendjemand mal Auswirkungen untersucht hatte, die dann nicht günstig ausfielen. Bevor jemand solche wissenschaftlichen Untersuchungen anstellt geht die Wissenschaft jedoch davon aus, daß es keine Probleme gibt.

    Da Autisten sich grundlegend von anderen Menschen unterscheiden, werden sie sehr häufig von Nichtautisten völlig falsch eingeschätzt. Das erschwert die wissenschaftliche Erschließung möglicher Problemfelder von heute noch offiziell befürworteten Therapien aufgrund von Autismus. Wie sollten nichtautistische Psychologen erforschen, wie sich der Zustand eines Autisten im Zuge der Anwendung solcher Methoden ändert, wenn sie Autisten grundsätzlich kaum verstehen?

    Die Faktoren, die den Zustand von Autisten erheblich beeinflussen können sind sehr komplex. Ein Behandlungserfolg nach wissenschaftlichen Kriterien kann besonders unter solchen Rahmenbedingungen tatsächlich insgesamt zu einer Verschlimmerung des Gesamtzustands führen, eben weil die Wissenschaft als Erkenntnismethode gerade mit komplexen Systemen wie dem Leben in Grunde hoffnungslos überfordert ist. Etwa bezüglich der Allmachtsphantasien mancher Gentechniker hat sich inzwischen gezeigt, daß es ganz gut war, daß sich deren Vorschläge vor einigen Jahren nicht durchsetzen ließen, z.B. die Vorstellung ein Großteil des menschlichen Genoms sei bedeutungsloser "Genmüll". Ein weiteres klassisches Beispiel ist die Atomeuphorie der 50er Jahre, in der Wissenschaftler voraussagten, daß in einigen Jahrzehnten Autos mit Kernspaltung betrieben würden.

    Den "Gesamtzustand" auszumachen ist überdies eine immer mehr oder weniger willkürliche Fremdbewertung von Teilen des Gesamtzustands als wichtiger und weniger wichtig voraussetzt. Wenn eine Gewichtung durch Nichtautisten vorgenommen wird, so stellt das zudem noch eine Fremdbestimmung über sie als völlig anders veranlagte Personen dar, die sich in einer Minderheitenrolle befinden. Das spiegelt sich auch in Bewertungen durch Wissenschaftlern wider. Jedoch sind diese Bewertungen selbst eben gerade nicht wissenschaftlich, sondern kulturelle Überzeugungen, die sich weitgehend den wissenschaftlichen Kategorien entziehen.

    Wer also argumentiert, daß Therapien doch wissenschaftlich erwiesen seien und Autisten, die sich gegen Therapien aufgrund Autismus wenden, sich damit quasi gegen die Wissenschaft selbst auflehnen würden, liegt falsch und sollte sich vielleicht mal mit Wissenschaftstheorie befassen.

    Dies ist ein neuer Eintrag aus dem Autismuslexikon im Forum der Autismusraunenden.

  • Hürde Nr.1: Verweigerte barrierefreie Kommunikation

    In einer Zeit, in der selbst Unternehmen ihren Firmenkunden ungerne wichtige Vereinbarungen zur praktischen Umsetzung der vertraglichen Zusammenarbeit schriftlich aushändigen (es könnte ja anderen Kunden zugespielt werden, bei denen intern etwas anders gehandhabt wird) und auch in manchen Behörden gerne möglichst viel mündlich besprochen wird, um nicht gleich jede Aussage gerichtsfest abwägen zu müssen und weil man es eben so gewohnt ist, haben es Menschen nicht immer leicht selbstständig im Alltag zu bestehen, die nur schriftlich kommunizieren können.

    Autisten nehmen die Welt anders wahr, wir sortieren das, was unsere Sinne empfangen weniger unbewußt vor, als der Rest der Menschheit. Das bedeutet Talent zu größerer Präzision, weniger Determinertheit durch unterschwellige (z.B. "soziale") Weltdeutungsautomatismen, aber auch mehr Information, die zu bewältigen ist.

    Gerade unbekannte Umgebungen und unberechenbare Situationen sind hohe Beanspruchungen. Daher sprechen manche Autisten gar nicht, andere können theoretisch sprechen, sind aber praktisch damit in bestimmten Situationen überfordert.

    Als wesentlicher Initiator der ESH, bei dem noch immer viele der wesentlichen Fäden der Aktivität zusammenlaufen erkenne ich immer wieder wie groß doch der Anteil an Ausgrenzung ist, der durch diese Eigenschaft vorgenommen wird.

    Es ist ernüchternd. Theoretisch ist man ein Bürger mit gleichen Rechten, praktisch wird auf schriftliche Anfragen, insbesondere Emails oft gar nicht oder nicht inhaltlich sinnvoll geantwortet. Auch in der Arbeit der Interessenvertretung von Autisten. Multiplizierte Diskriminierung mit heimtückischer Wirkung: Schreiben, die zum Zweck haben die Lebenssituation von Autisten systematisch zu verbessern stoßen ins Leere - weil barrierefreier Zugang zu Kommunikation nicht gewährleistet ist. Das hat schon etwas Absurdes.

    Scheinbar harmlos hat dies massive und schwerste Folgen für Autisten als Bevölkerungsgruppe, die wohl nur wenige erfassen, die die komplexen Wechselspiele zwischen Diskriminierung und Einstufung als lebensuntüchtig mit Folgen bis hin zu Entmündigungen mehr oder weniger durchschauen.

    Was tun? Jemanden suchen, der dann doch stellvertretend anruft? An sich ist das nicht hinnehmbar und die Erfahrungen sind auch abgesehen von der zweifellos vorliegenden Diskriminierung aufgrund der Verweigerung von direktem Kontakt schlecht. Das Anliegen wird von der Telefonperson nicht richtig verstanden, nicht vollständig mitgeteilt, übermittelte Antworten werden von der kontaktierten Stelle widerrufen, freiwillige Helfer sind plötzlich nicht mehr auffindbar oder haben mitten in einem Vorgang aus hin - und - her keine Lust mehr.

    Eigentlich könnte man einfach kommunizieren, es liegt schließlich keine Situation vor wie bei Gehörlosen, deren Sprachen spezielle Kenntnisse erfordern. Ein frustrierendes Gefühl. Wir wollen einfach nur schriftlich kommunizieren und nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden!

  • Dann ist es also passiert

    Nun hat also auch die Enthinderungsselbsthilfe von Autisten für Autisten (und Angehörige) - ESH ein Blog.

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